Alltags- und Bildungssprache

Im Rahmen der DaZ-Förderung werden die Schülerinnen und Schüler auf ihrem Weg von der Alltagssprache bis zur Bildungs- und Fachsprache ausgehend von ihren individuellen sprachbezogenen Lernvoraussetzungen und -entwicklungen altersgerecht begleitet. Damit verknüpft ist immer ein sprachbewusster Unterricht in allen Fächern, der fachliches und sprachliches Lernen im Regelunterricht miteinander verbindet, sodass die Schülerinnen und Schüler ihre (bildungs-)sprachlichen Kompetenzen kontinuierlich und ganzheitlich erweitern.

Alltagskommunikation ermöglichen 

Für Schülerinnen und Schüler mit keinen oder unzureichenden Deutschkenntnissen ist das erste Ziel, eine Kommunikationsfähigkeit im schulischen und außerschulischen Alltag zu erreichen, also kommunikative Situationen, mündlich wie auch schriftlich, zu bewältigen. Die Lehrperson weiß dabei um die Möglichkeit einer stillen Phase / Schweigephase (Cillia, 2017). In der Eingangsphase lernen die Schülerinnen und Schüler einander, die Schule und die Lehrpersonen kennen und kommen in Kontakt mit der deutschen Sprache und ihren Varietäten.

In weiterer Folge bietet die Lehrperson konkrete Lernsituationen an, die Kommunikationsmöglichkeiten außerhalb des Unterrichts eröffnen. Sie behandelt Themen des Schulalltags, des Unterrichts und aus der Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler, die sich an situativen Sprechanlässen und alltäglichen Aktivitäten orientieren: 

Abbildung 3: Themenbereiche für einen kommunikationsorientierten DaZ-Unterricht

Der Themenbereich „Ich und die Welt“ wird für die Schülerinnen und Schüler mit steigendem Sprachniveau immer bedeutsamer, da sie sich hier Fachthemen erschließen und so sprachliches und fachliches Lernen stärker verbinden. 

Für die Primarstufe finden sich viele dieser Themen im Lehrplan des Sachunterrichts wieder, z.B. 

  • 2. Klasse: Körper und Sinne, Mobilität und Sicherheit u.a.,
  • 4. Klasse: Nah und Fern, Versorgung und Entsorgung u.a.,

für die Sekundarstufe in verschiedenen Fachlehrplänen, z.B. 

  • Biologie (6. Schulstufe): Sinnesorgane des Menschen,
  • Physik (7. Schulstufe): Tempo und Geschwindigkeit,
  • Bildnerische Erziehung (8. Schulstufe): Selbstportraits heute und früher.

Die Lehrpersonen des DaZ- und des Regelunterrichts können sich in der sprachlichen und fachlichen Erarbeitung von Themen ergänzen. Dafür ist ein regelmäßiger Austausch im Team grundlegend. 

Schülerinnen und Schüler sollen Sprache als Mittel erleben, um ihre Bedürfnisse ausdrücken und ihre Meinungen begründen zu können. Der Kompetenzzuwachs zeigt sich in der Qualität und Quantität ihrer Kommunikationsfähigkeit und damit im Niveau in den Fertigkeiten Hören, Sprechen, Lesen und Schreiben. Sie können z.B. von ihren Freizeitaktivitäten erzählen und kurze Texte (Steckbriefe) darüber schreiben, ein Gespräch zu ihren Vorlieben beim Essen führen oder im Schulalltag Anweisungen verstehen und ausführen, weil sie über das entsprechende Vokabular und die dafür notwendigen sprachlichen Mittel auf der Wort-, Satz- und Textebene verfügen. Die Operatoren, deren Kenntnis für eine aktive Beteiligung am Unterrichtsgeschehen notwendig ist, sind bereits Teil der Bildungssprache

Es ist wichtig, dass die Lehrperson authentische Sprechanlässe initiiert: Regelmäßige Lehrausgänge und Exkursionen müssen Teil des DaZ-Unterrichts sein (auch bereits in der Anfangsphase) genauso wie kommunikative Lernsituationen, die z.B. die Interaktion auf Schulwegen oder in Pausen einschließen (Gutzmann et al., 2019) und einen Bezug zum Umfeld und zur Lebenswelt der Schülerinnen und Schüler haben. Die Lehrperson bietet vermehrt Aufgaben in ihrem Unterricht an, die im Gegensatz zu Übungen auf die Verwendung von vorhandenen und den Aufbau neuer Kompetenzen ausgerichtet sind. Auf diese Weise verknüpft die Lehrperson in ihrem Unterricht u.a. die methodisch-didaktischen Prinzipien der Handlungs- und der Aufgabenorientierung.

Bildungssprache anbahnen

Ziel des DaZ-Anfangsunterrichts ist es, dass die Schülerinnen und Schüler dem Regelunterricht folgen und sich aktiv daran beteiligen können. Dafür müssen sie u.a. über altersgerechte bildungssprachliche Kompetenzen entsprechend der Schulstufe verfügen, sowohl rezeptiv als auch produktiv. Das heißt, dass Bildungssprache von Anfang an in die Spracharbeit zu integrieren ist, wofür die Lehrperson unterschiedliche methodische Möglichkeiten nutzen kann. So ermöglicht sie den Schülerinnen und Schülern eine Annäherung an die sprachlichen Anforderungen der Schulstufe. Mit Hilfe von Chunks können die Schülerinnen und Schüler schon sehr früh bildungssprachliche Strukturen verwenden, die sie aufgrund der Progression noch nicht beherrschen. 

Die Entwicklung von bildungssprachlichen Kompetenzen ist auf niedrigem Sprachniveau möglich und sinnvoll, wenn man Alltags- und Bildungssprache als Kontinuum begreift und nicht als sprachliche Register, die nur nacheinander entwickelt werden (Berendes et al., 2013; Harboe & Mainzer-Murrenhoff, 2016; ÖSZ, 2017). Es geht zunächst nicht darum, anspruchsvolle bildungssprachliche Strukturen wie das Passiv oder Partizipialattribute zu vermitteln, sondern um die Tatsache, dass Bildungssprache einen präzisen Wortgebrauch erfordert (beginnend mit: links oben, nach 5 Sekunden, während das schwere Element zu Boden sinkt…) und in vollständigen (und mit steigendem Sprachniveau auch komplexen) Sätzen formuliert wird. Eine Überforderung ist nicht zielführend, jedoch können „kalkulierte sprachliche Herausforderungen“ (Leisen) durchaus zum Erwerb der Bildungssprache auch im DaZ-Unterricht beitragen. Ebenso ist eine Unterforderung nicht zielführend. Eine Orientierung an der „Zone der nächsten Entwicklung(Vygotskij) ist in diesem Zusammenhang ein notwendiger Richtwert.

Mit dem Einsatz sprachlicher Scaffolds ermöglicht die Lehrperson den Schülerinnen und Schülern das Sprechen und Schreiben auf einem höheren Sprachniveau, indem sie Sprachhilfen (sprachliche Gerüste) zur Verfügung stellt. Damit stößt sie eine Erweiterung der Sprachkompetenz an, da die Schülerinnen und Schüler die Formulierungshilfen, Wörter oder Satzanfänge – anfänglich vielleicht noch als Chunks – in ihren Wortschatz aufnehmen können. Schrittweise werden die in der Alltagssprache verwendeten Begriffe erweitert, modifiziert und einer bildungs- und fachsprachlichen Verwendung zugeführt, wie z.B. die Puppe (als Spielzeug bzw. als Stadium auf dem Weg zum Schmetterling).

Bereits die oben genannten Alltagsthemen sind durchaus dafür geeignet, bildungs- und fachsprachliche Elemente zu vermitteln, wenn die Schülerinnen und Schüler z.B. beim Thema „Körper“ Prozesse beschreiben (Weg der Nahrung), beim Thema „Verkehr“ Komposita bilden (der Autobus, die Haltestelle, der Zebrastreifen) oder durch das Kennenlernen von Verknüpfungsmitteln Textualität anbahnen (z.B. mit Hilfe von Personalpronomen: Der Buntspecht ist ein Vogel. Er lebt im Wald.). So eröffnet die Lehrperson den Schülerinnen und Schülern schon sehr bald Zugänge zum fachlichen Lernen über die neue Sprache Deutsch. Mit steigendem Sprachniveau der Schülerinnen und Schüler werden auch die Themen vielfältiger und komplexer. Dementsprechend können hier kaum Themenvorschläge gebracht werden, weil sich die Themenauswahl immer stärker an den Inhalten der übrigen Fachbereiche orientieren wird. Je höher die Schulstufe, umso rascher müssen das Einbinden von Bildungs- und Fachsprache sowie die Förderung der Lesekompetenz und des Verfassens von Texten erfolgen. Dabei ist die Kooperation mit den Klassenlehrerinnen und Klassenlehrern bzw. Fachkolleginnen und Fachkollegen besonders wichtig.

Literatur

Berendes, K., Dragon, N., Weinert, S., Heppt, B., & Stanat, P. (2013). Hürde Bildungssprache? Eine Annäherung an das Konzept Bildungssprache und aktuelle empirische Forschungsergebnisse. In A. Redder & S. Weinert (Hrsg.), Sprachförderung und Sprachdiagnostik. Perspektiven aus Psychologie, Sprachwissenschaft und empirischer Bildungsforschung (S. 17–41). Waxmann.

Cillia, R. de (2017). Spracherwerb in der Migration – Deutsch als Zweitsprache. BIFIE (Hrsg.). https://oesterreichisches-deutsch.bildungssprache.univie.ac.at/fileadmin/user_upload/p_oesterr_dt_unterrichtssprache/Publikationen_Rudolf_de_Cillia/srdp_cillia_spracherwerb_migration_2011-10-11_f%C3%BCr_BIFIE.pdf

Gutzmann, M., Nodari, C. & Pols, R. (2019). Deutsch als Zweitsprache. Didaktisches Begleitmaterial zu den Curricularen Grundlagen. Landesinstitut für Schule und Medien Berlin-Brandenburg (Hrsg.). https://bildungsserver.berlin-brandenburg.de/fileadmin/bbb/themen/sprachbildung/Durchgaengige_Sprachbildung/Publikationen_sprachbildung/Deutsch_als_Zweitsprache_WEB_2019_05_06.pdf

Harboe, V. C. & Mainzer-Murrenhoff, M. (2016). Bildungssprache von Anfang an? Konzeptionelle Überlegungen und praktische Vorschläge zur Gestaltung von projektorientiertem DaF-/DaZ-Unterricht für neu zugewanderte Kinder und Jugendliche. In V. C. Harboe, M. Mainzer-Murrenhoff & L. Heine (Hrsg.), Unterricht mit neu zugewanderten Kindern und Jugendlichen. Interdisziplinäre Impulse für DaF/DaZ in der Schule (S. 159-200). Waxmann.

Österreichisches Sprachen-Kompetenz-Zentrum (Hrsg.). (2017). Aufbau von Bildungssprache in der Grundschule – Fokus Grundstufe I. Wege zu einem vernetzten, sprachsensiblen und inklusiven Deutschunterricht. (ÖSZ Praxisreihe, Heft 27). ÖSZ. http://www.oesz.at/sprachsensiblerunterricht/UPLOAD/oesz_praxisheft_27_deutsch_su_usbplus_web.pdf