Differenzierung

Die Schülerinnen und Schüler, die den DaZ-Unterricht besuchen, wachsen mehrsprachig auf und leben in der Familie bzw. in ihrem Umfeld mit einer anderen oder zusätzlichen Erstsprache als Deutsch. Wie alle Schülerinnen und Schüler bringen sie in die Schule unterschiedlich entwickelte Kompetenzen in Deutsch mit. Im DaZ-Anfangsunterricht – für den in Österreich unterschiedliche organisatorische Formate bestehen (siehe SchOG §8h) – entwickeln sie entsprechend ihren individuellen sprachlichen Ausgangslagen die Unterrichtssprache Deutsch weiter. Ziel ist, dass alle möglichst rasch nach dem Lehrplan der betreffenden Schulart und Schulstufe gemeinsam im Klassenverband unterrichtet werden können. Gleichzeitig sollen die Lernenden von Beginn an durch einen sprachsensiblen Unterricht in allen Fächern (z.B. Sachunterricht, Mathematik, Sport, Werken, Geschichte, Chemie, Berufsorientierung) dabei unterstützt werden, bildungssprachliche Kompetenzen kontinuierlich aufzubauen. In weiterer Folge erhalten die Schülerinnen und Schüler mit höherem Sprachniveau in der Unterrichtssprache Deutsch DaZ-Förderung in additiver, unterrichtsparalleler oder integrativer Form in enger inhaltlicher Verschränkung mit dem sprachsensiblen Regelunterricht.

Der DaZ-Anfangsunterricht ist geprägt von heterogenen Lernausgangslagen der Schülerinnen und Schüler. Die Vielfalt an Erstsprachen, Unterschiede im Sprach- und Leistungsniveau, im Alter und in der bisherigen schulischen Sozialisation stellen für die Lehrperson(en) eine Herausforderung dar, der sie neben der Differenzierung auf institutioneller Ebene mit Differenzierung auf individueller Ebene im Unterricht begegnet bzw. begegnen.

Heterogenität der Zielgruppe(n) berücksichtigen

Der bewusste Blick auf die Heterogenität der Gruppe (sprachliche, sozioökonomische, kulturelle, altersbezogene etc.) sollte in der Unterrichtsplanung eine gezielte Binnendifferenzierung bewirken. Neben dem Wissen über die aktuelle sprachliche Ausgangslage jeder Schülerin/jedes Schülers (auf Basis regelmäßiger Sprachstandsbeobachtungen) benötigt die Lehrperson Klarheit über die Lehrziele und über die Maßnahmen im Unterricht, die ermöglichen, dass jede/jeder das Lernziel erreichen kann. Dies ist durch die Erstellung eines individuellen Förderplans sichergestellt. Im Rahmen eines differenzierenden handlungsorientierten Unterrichts ermöglicht die Lehrperson den Schülerinnen und Schülern, in vielfältigen kommunikativen Situationen sprachlich zu handeln, und motiviert sie dazu. Dabei berücksichtigt sie sowohl ihre aktuellen sprachlichen Möglichkeiten als auch die „Zone der nächsten Entwicklung“ (Vygotskij).

Binnendifferenzierung, also die Differenzierung der individuellen Lernziele innerhalb einer Lerngruppe, ist möglich durch eine Variation der Unterrichtsmaterialien, Aufgabenstellungen, Unterrichtsformen bzw. Sozialformen (Scholz, 2016).

Orientierung geben

Es ist auch möglich, dass die Lernenden in der Schuleingangsphase oder als Seiteneinsteigerin bzw. Seiteneinsteiger abseits des Deutschlernens Hilfe benötigen, wie alle Schulanfängerinnen und Schulanfänger. Die Lehrperson kann hier sehr unterschiedlich gefordert sein, abhängig vom Alter und von der vorherigen schulischen Sozialisierung der Schülerinnen und Schüler.

Digitale Medien einsetzen

Der gezielte Einsatz von digitalen Medien ermöglicht es, auf die unterschiedlichen Bedürfnisse und Interessen der Lernenden einzugehen, und leistet so einen wichtigen Beitrag zur Differenzierung und Individualisierung. Durch den gut durchdachten und geplanten Einsatz von digitalen Medien im DaZ-Unterricht unterstützt die Lehrperson die Schülerinnen und Schüler darin, Sprache implizit, d.h. ohne bewusste Kontrolle oder Steuerung, zu lernen, spielerisch und zeitgemäß. Die Lernmotivation wird durch die Multimedialität und Interaktivität gesteigert, wobei die Lehrperson darauf achtet, dass ein Mehrwert für den Spracherwerb im Zentrum steht (Roche, S. 477). Abwechslung und Unterhaltung sind dabei positive Nebeneffekte. Der Einsatz von digitalen Medien steht nicht isoliert, sondern immer in Verbindung mit anderen Lernformen, und die Lehrperson ist sich dabei der unterschiedlichen Rollen von digitalen Medien beim Üben bzw. beim Lösen von Aufgaben bewusst. Dafür muss sie über eine entsprechende Medienkompetenz verfügen.

Der Mehrwert gegenüber traditionellen Medien zeigt sich in der Kontextualisierung von Sprache, also in der Einbettung in konkrete und authentische Situationen und Sprachhandlungen, wodurch das schulische Lernen an die außerschulische Lebenswelt angebunden wird (Irion & Scheiter, 2018). Auch können durch den Einsatz digitaler Medien schriftliche Texte hörbar gemacht werden. Die Schülerinnen und Schüler setzen die deutsche Sprache handlungsorientiert und zielgerichtet ein, wenn

  • Texte visuell begleitet werden (z.B. informierende Texte in Form von Erklärvideos, beschreibende Texte durch die Animation von Gegenständen oder erzählende Texte in Form von digitalen Bilderbüchern),
  • die Lernenden relevante und authentische Aufgaben bearbeiten (z.B. Informationen beschaffen, Gelerntes produktiv einsetzen),
  • das Internet als Quelle authentischer Sprache genutzt wird.

Weiters bereitet der zielorientierte Einsatz von digitalen Medien die Schülerinnen und Schüler auf eine medial geprägte Gesellschaft vor, indem sie

  • e-Kommunikationsformen authentisch im Unterricht bearbeiten: E-Mails, Chat-, Blog- und Forum-Beiträge, Kommunikationsformen in den sozialen Medien etc.
  • authentische Arbeitswerkzeuge erproben: digitale Wörterbücher, elektronische Korrekturprogramme, Schreibtrainingsprogramme etc.
  • sich Informationsquellen unterschiedlicher Art erschließen: Straßenkarten, Reise-, Verkehrs-, Tourismus- und Veranstaltungsportale etc.

Lernräume nutzen

Die Schülerinnen und Schüler lernen die deutsche Sprache im DaZ-Anfangsunterricht primär durch Sprechen, d.h. durch Interaktion und Kommunikation. Dabei spielt der soziale Faktor eine entscheidende Rolle – der Kontakt mit deutschsprechenden Menschen unterstützt die Schülerinnen und Schüler maßgeblich beim Spracherwerb. Dies wird beispielsweise ermöglicht, wenn sie regelmäßig am Regelunterricht und an den Pausen der Stammklasse teilnehmen, Tandems mit Schülerinnen und Schülern der Stammklasse bilden („Buddy System“) oder in schulspezifische Aktivitäten/Aufgaben eingebunden sind (z.B. Mitgestaltung von Ausstellungen und Veranstaltungen). Insbesondere die Organisation von Projekten und Exkursionen erfordert ein hohes Maß an Koordination, was durch intensive Kooperation im Team ermöglicht werden kann.

Daneben sieht die Lehrperson jede Situation als Sprachlernsituation an und nutzt sie als Lerngelegenheit: Der Wechsel vom DaZ-Unterrichtsraum ins Klassenzimmer wird versprachlicht (modelliert) sowie das An- und Ausziehen in der Garderobe oder das Holen von Unterrichtsmaterialien aus einem anderen Raum. Sie nutzt diese Situationen als Gesprächsanlass bzw. als Anlass zum Kennenlernen und/oder Festigen von Wortschatz. Auch im Pausenhof, in der Schulküche, im Turnsaal oder im Werkraum können die Schülerinnen und Schüler Deutsch erleben und Sprechanlässe geschaffen werden.

Literatur

Irion, T. & Scheiter, K. (2018). Didaktische Potenziale digitaler Medien. Der Einsatz digitaler Technologien aus grundschul- und mediendidaktischer Sicht. Grundschule aktuell. Zeitschrift des Grundschulverbandes,142, 8–11. https://www.pedocs.de/volltexte/2019/16559/pdf/Irion_Scheiter_2018_Didaktische_Potenziale_digitaler_Medien.pdf

Roche, J. (2017). Lernmedien. In B. Ahrenholz & I. Oomen-Welke (Hrsg.), Deutsch als Zweitsprache (DTP, Bd. 9, S. 276–289) (4., vollst. überarb. u. erw. Aufl.). Schneider.

Scholz, I. (2016). Das heterogene Klassenzimmer. Differenziert unterrichten (2. Aufl.). Vandenhoeck & Ruprecht.